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Sie steht vor ihm und sieht Verlangen in seinen Augen. Ein Schritt macht er aus sie zu, nimmt ihre Hand, zieht sie eng an sich heran. Sie schließt die Augen. Nicht jetzt!, denkt sie. Bitte, bitte nicht jetzt. Er zerrt an ihrer Bluse bis seine Hand den Weg zu ihrem Busen findet. Er packt und reibt sie, die immer noch denkt: Bitte nicht jetzt!
Seine andere Hand fasst sie fest zwischen den Beinen. Er ist gierig, er will sie hier und jetzt. Schon gibt sie nach, was sollte sie auch tun?
Wenn wir jetzt schnell miteinander schlafen, ist alles wieder gut.
Als sie später nebeneinander liegen und ihre Zigaretten rauchen, fällt es ihr wieder ein. Sie hätte es ihm sagen sollen.
Sex glüht, er brennt, er brodelt, er köchelt. Sexualität ist immer präsent. Immer anwesend. Mal im Vordergrund, dann wieder versteckt. Sie dreht sich um Schwanz und Möse. Wird wissenschaftlich erforscht, eruiert und evaluiert.
Sexualität ist immer präsent.
Aber was ist mit der Lust?
Lust flimmert, sie funkt, sie fließt, sie fordert. Lust gibt sich hin und fordert auf. Sie lädt ein und steigert sich. Lust wächst und verstummt. Sie windet sich und erforscht.
Wer Lust fühlt, genießt.
Einsam, zweisam. In mir, in dir, in uns.
„Haare wie ein Kaktus in Erektion„
Wer schreibt über diese stachelige unerotisch-erotische Frisur? Eine Frau mit lustvollen Widersprüchen.
ohne Lust
lässt die Rosenlust ihren Kopf hängen
sie verdörrt in der Hecke
sie verwelkt unerkannt am Strauch
ohne Lust
verdirbt die Rosenlust
wie eine überreife Frucht
zermatscht, zerschmettert, zertreten
ohne Lust
gibt es keinen neuen Tag für die Rosenlust
kein Lachen, keine Freude, keinen Sonnenaufgang
nur eiskaltes Schweigen
ohne Lust
ist das Leben
a r m
Nicht lange nachdem Leonie oben in ihrem Zimmer eingeschlafen war, lagen auch ihre Eltern im Bett. Nacheinander sahen sie kurz nach der schlafenden Leonie, aber vor der Zimmertür ihres Sohnes zögerten sie. Sie hörten leise Musik im Zimmer spielen, aber Stefan stören, das traute sich keiner von beiden. Seit Wochen waren seine Aggressionen für alle in der Familie eine große Last. Es war besser, ihm heute abend keinen neuen Anlass für einen seiner Ausbrüche zu bieten.
Sie lagen schweigend nebeneinander im Bett und fühlten sich elend. Sie hatten schon seit vier Monaten nicht mehr miteinander geschlafen. Seit Nadines letzten Geburtstag. An diesem Abend waren sie zum Essen aus gewesen und im Nachbarraum spielten die Jugendlichen Billard. Es waren ein Päarchen und zwei Jungen, die abwechselnd spielten und in jeder Pause, wandte sich das Päarchen einander zu. Sie knutschten ausgiebig miteinander, bis die anderen Jungen sie mit derben Sprüchen wieder zum Billardtisch riefen. Die ganze Zeit waren sie eng aneinander geschmiegt und der Junge versuchte das Mädchen immer sehr dicht an seinem Schoß zu halten, was das Mädchen sichtlich genoss. Sie rutschte auf seinem Schoß entlang, und nur wenn er sich unter ihrem T-Shirt etwas zu heftig an ihr zu schaffen machte, reagierte sie, in dem sie sich so lange wand, bis seine Hände keinen Halt mehr fanden.
„Muss Liebe schön sein“, spöttelte Nadine damals. Aber nachts im Bett war sie erregt und schlief mit ihm. So sehr hatte sie der Anblick der knutschenden Jugendlichen angeheizt.
Heute lagen sie wie so oft rat- und sprachlos nebeneinander und ahnten nicht, mit welcher Heftigkeit das Schicksal ihr Leben durcheinander wirbeln sollte, nur weil sich in 200 km Entfernung gerade eine Träumerin auf den Weg zurück ins Dorf machte.
Krank und rasend macht mich die Eifersucht. Nein, nicht meine Eifersucht. Ihre Eifersucht. Sie bringt mich zur Verzweiflung und aus dem Gleichgewicht. Es stört mich. Ich will sie abschütteln diese Eifersucht, die mir meine Träume, meine Gefühle, meine Liebe nicht gönnt. Sie funkt dazwischen. Immer wieder. Macht alles nieder und erhöht sich selbst. Sie dreht auf, spricht laut, setzt sich in Szene – alles nur damit ich mich ihr zuwende. Dem altbekannten lausche. Meine Träume verrate, meine Stimmungen verliere, meine Lust in mir vergrabe.
Betrübt ist die stolze Rose, als der kleine Prinz sie verlässt. Aber ihr Stolz lässt es nicht zu, es ihm zu zeigen.
Auch die Rosenlust ist eine stolze, erregende Blume. Aber an manchen Tagen verlässt sie die Lust, und sie ist viel zu stolz das zuzugeben. Eine Rosenlust ganz ohne Lust? Was wäre das denn für ein Leben? Wer sollte sie denn sein, wenn ihr das Wichtigste fehlte. Die Liebe, die Erregung, die Sexualität, die Zärtlichkeit – ohne Lust bleibt alles blass und fad. Selbst die Freundschaft ist ohne Lust so oberflächlich und langweilig. Ohne Lust ist das Leben grau und die Miesepeter machen sich plötzlich breit. Wo sie noch Raum lassen, ziehen die Bedenkenträger ihre Kreise und wenn sie versucht sich in sich selbst zurückzuziehen, wird sie von schrillen, nörgelnden Stimmen aufgescheucht.
Ohne Lust verdörrt die Rosenlust einsam und unzufrieden mit sich und der Welt, wie die stolze Rose, die ohne den kleinen Prinzen nicht leben kann und ihn doch dazu bringt, dass er seinen kleinen Planeten verlässt.

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