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Sie steht vor ihm und sieht Verlangen in seinen Augen. Ein Schritt macht er aus sie zu, nimmt ihre Hand, zieht sie eng an sich heran. Sie schließt die Augen. Nicht jetzt!, denkt sie. Bitte, bitte nicht jetzt. Er zerrt an ihrer Bluse bis seine Hand den Weg zu ihrem Busen findet. Er packt und reibt sie, die immer noch denkt: Bitte nicht jetzt!
Seine andere Hand fasst sie fest zwischen den Beinen. Er ist gierig, er will sie hier und jetzt. Schon gibt sie nach, was sollte sie auch tun?
Wenn wir jetzt schnell miteinander schlafen, ist alles wieder gut.
Als sie später nebeneinander liegen und ihre Zigaretten rauchen, fällt es ihr wieder ein. Sie hätte es ihm sagen sollen.
Thorsten legte die Fotos von ihr auf dem Tisch aus, als wäre es ein Kartenspiel. Er hatte sie heimlich gemacht. Immer wenn sie eingeschlafen war; und sie schlief fast immer nach dem Sex ein. Sie schlief ein und war orientierungslos, wenn er sie aufweckte, weil sie gehen musste. Sie kramte schnell nach ihren Anziehsachen, war in Eile. Er durfte ja nichts merken. Er nicht und die Kinder schon gar nicht. Seit vier Jahren trafen sie sich schon regelmässig. Vier Jahre Heimlichkeiten. Sie verheimlichte ihre Seitensprünge mit ihm vor ihrer Familie und Thorsten verheimlichte ihr, dass er sie immer fotografierte, wenn sie eingeschlafen war. Hier lagen sie also: Ihre Brüste, ihr Po, der Fleck an ihrem Schenkel, ihre Augen, ihr Schamhaar. Hier lag sie ausgebreitet vor ihm. Vier Jahre Heimlichkeiten – vier Jahre Liebeslust. Zu Sex unterm Tannenbaum waren sie nie vorgedrungen. An Weihnachten war er natürlich allein. An Silvester war er allein. Er legte die Fotos jetzt wieder um. Das war die Frisur, die sie vor vier Jahren hatte und hier der Kratzer, den sie sich im Urlaub am Meer geholt hatte. Ohne ihn. Und hier die Ohrringe, die ihr ihr Mann zum Hochzeitstag geschenkt hatte. Aber hier lag sie in der Sonne, die durch sein Fenster schien.
Er nahm die Fotos nacheinander vom Tisch auf, legte sie in einem Stapel zusammen und legte sie jetzt mit der Rückseite auf den Tisch. Nach und nach drehte er sie um. Da war sie wieder. Da waren ihre Brüste, ihre geschlossenen Augen, da lag seine Liebe.
Ich möchte die Hand ausstrecken, aber die Dunkelheit erschreckt mich. Ich möchte die Hand ausstrecken, aber erreiche ich dich? Die Ungewißheit nagt an mir. Ich möchte deine Hand in meiner spüren, aber ich zögere. Was ist, wenn ich ins Leere greife?
So bleibe ich still. So bleibe ich stumm und lauche deinem Atem.
Nachts wacht sie auf. Mit feuchter Möse. Wieder und wieder träumt sie und immer verschwinden die Träume im Dunkel ihres Unterbewußtseins. Sie kann sich nicht erinnern an die Täume, die ihr Nacht um Nacht das Zittern bescheren.
Morgens wacht sie müde auf. Unausgeschlafen. Der Kopf schmerzt, der Körper ist zerschlagen. Sie mag diese Nächte nicht. Mag die Träume nicht. Erschlichene Träume hinter dem schwarzen Vorhang des Vergessens.
Sie schaut in den Spiegel und sieht wie die Tränen über ihre Wangen laufen. „Ich brauche dich nicht!“, schreit sie den Spiegel an und dreht sich um. „Ich brauche dich nicht!“
Fast schon am Spiegel vorbei gelaufen, stoppt sie ihren Schritt. Lange hat sie sich nicht mehr betrachtet. Hat ihren Körper nicht mehr wahrgenommen. Lange schon war sie im Bann der Traurigkeit. Sie fühlt sich alt geworden. Fremd ihr Spiegelbild. Fremd und doch vertraut. Die Zeit ist übergelaufen. Die Trauer kennt keine Grenzen. Zeit. Mal Freund, mal Feind.
Sie wirft die Haare nach hinten, dreht sich leicht nach links und nach rechts. Die Erinnerung wird wieder lebendig. Die Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Im Spiegel ahnt sie die junge Frau, verliebt und verzaubert. Die Frau, die sie in ihrer Vergangenheit war. Sie dreht sich weiter. Nimmt sich selbst in Augenschein. Es ist Zeit, mich wieder mit mir selbst Freundschaft zu schließen. Ein kurzer Gedanke nur – schon ist er wieder weg
Noch bevor er die Tür hinter sich zugezogen hatte, wußte sie, dass sie jetzt allein bleiben würde. Allein, verlassen, einsam und leer.
Er zog seine Hose an, machte den Gürtel fest, zog das T-Shirt über und drehte sich nach ihr um. Seine Worte hörte sie nicht. Er nahm ihre Hand, sah an ihr vorbei und immer noch hörte sie seine Worte nicht. Sie wußte, dass sie jetzt allein bleiben würde. In einer Sekunde war alles verblasst. Die Nacht, das Gefühl, die Eregung, die Wärme, die Liebe. Alles vorbei.
Kalt, ihr war so schrecklich kalt.
Ich stehe am Fenster und weine. Ich weine und weine und weine. Draußen stehen die Autos an der Ampel. Ich sehe nach draußen, irgendwo hin. Ich sehe die Straße, egal was. Ich weine und weine und weine. Ich stehe am Fenster und weine. Du bist gegangen und ich bin verlassen. Für alle Zeiten alleine. Ich stehe am Fenster und draußen stehen die Autos an der Ampel. Ich sehe die Straße, sie hält mich fest. Nur die Straße, die Ampel, die Autos halten mich. Nicht jetzt. Ich will nicht zusammenbrechen. Nicht zusammensacken. Nicht in mich versinken. Ich stehe am Fenster und weine.
Du bist gegangen
und ich bin verlassen.
Sie hatte kein Talent zur Liebe. Kein Talent zur Partnerschaft. Egal wie weit sie zurück dachte, immer ging es schief. Der falsche Mann zur falschen Zeit.
Auch dieses Mal. Ehe sie sich versah, war er auch schon wieder weg. Weg, auf und davon. Rein in ihr Leben und dann sofort wieder raus. Was bleibt, ist sein Gesicht.
Das Gesicht auf dem Foto. Sein Gesicht, seine Augen, sein Profil. Sie hat die Fotos ausgedruckt und schiebt sie vor sich hin und her wie bei einem Memoryspiel. Seine schönen Augen. Sie schneidet sich eine Maske aus. Eine Maske mit seinen Augen. Sein Profil, seine Nase. Sie schiebt sie hin und her. Er ist schön, so vertraut. Immer wieder sortiert sie die Fotos um. So, so wirken sie am schönsten. Hier seine Augen, da seine Haare, sein Profil.
Sie sucht den Kleber, sie weiß genau, er ist hier. Hier ist er.
Ausschnitt für Ausschnitt klebt sie die Fotos über ihr Bett. An die Außenwand, die ist schön kühl. Kühl wie er. Eine Kühle, die erfrischt. Eins nach dem anderen, ein Foto hier, eins da, eins oben, eins rechts. Wie schön, dass es so viele sind. Sie streicht mit dem Finger über seine Wangen, über seine Augen, über sein Haar. Sie küsst seine Augen, seine Wangen, seine Finger. Wie nahe er jetzt ist. Wie nahe und wie kühl. Kühl, so schön kühl. Sie küsst seine Augen, sie leckt seine Wangen, sie streichelt mit ihrer Zunge seinen wunderschönen Mund. Sie kühl, so fern. Sie kniet auf ihrem Bett, drückt ihre Wange an die Bilderwand und schließt die Augen.
So nah, so fern.
Hinten am Horizont sieht Judith schon einen hellen Schimmer. Die Sonne wird bald aufgehen. Es sind nur noch 18 km, dann ist sie im Dorf. Was wird sie dann tun? Sie fährt die Landstraße entlang, vorbei an den Gemüsefeldern. Sie biegt ab in einen Feldweg und ruckelt über den holprigen Weg entlang. Die Nacht hat die Luft etwas abgekühlt, aber immer noch ist es schwül. Sie fährt noch ein Stück, biegt ein paar Mal ab. Dahinten sind Pappeln, bestimmt ist dort ein kleiner Bach. Sie wird das Auto abstellen und ein bisschen schlafen. Einfach die Rücklehne zurückstellen und schlafen.
Als sie das erste Mal miteinander schliefen, war das auch im Auto. Irgendwo im Feld. Nur Pappeln standen keine dort und warm war es auch nicht. Es war klirrend kalt.
Noch weiß sie nicht richtig, was sie tun wird, wenn sie angekommen ist. Zuerst einen Ort suchen an dem sie ein paar Tage bleiben kann und dann das Haus – ihn.
Ich bin hier und doch nicht hier. Ich bin zurückgekommen, alles war wie früher. Du bist da und denoch vermisse ich dich. Ich rede mit dir und vermisse dich. Ich liege neben dir und vermisse dich. Ich vermisse deine Liebe, deinen Atem, ich vermisse dich.
Ich bin hier und doch nicht hier. Wo bin ich? Warum höre ich nicht auf dich zu vermissen?

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