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Erregte Rosenlust
mit breit gespreizten Beinen
ein Lufthauch kitzelt
Stefan lauscht. Er hatte die Musik extra angestellt, denn dann gingen sie schneller von seiner Tür weg. Nicht dass sie rein kämen! Nein, das hat er ihnen endlich ausgetrieben, aber ohne die Musik kamen sie immer noch ein paar Mal vor seine Tür und lauschten. Einzeln. Selbstverständlich. Sie machen ja nie etwas gemeinsam. Mit der Musik jedenfalls war er sie jedenfalls immer schnell los. Und Leonie war schon eingeschlafen.
Ein Griff unter das Bett. Das Bein hochgestellt und tief durchatmen. Ganz exakt drückte er die Scheibe auf, verstärkte noch einmal den Druck und zog sie schnell durch die Wunde. Er spürte die Erleichterung. Warm und weich floss das Blut am Bein entlang. Wie Samt.
feucht
mein Schoß
warm und weich
will sich ganz öffnen
seufzen
Die Rosenlust badet im Wildrosenwasser und träumt vom Vollmond. Vom Tanz auf dem Vulkan, der zu beben beginnt. Von der Lava, die die Hänge entlang läuft. Rotglühend und heiß wie die Hölle. Die Eruption lässt die Erde beben und die Nacht glimmt silberlich rot. Die Rosenlust schwebt über dem Krater, die Erde bebt und reißt den Krater auf. Die Hänge rotglühend und lavaspritzend. Ein Donnergrollen windet sich im Krater nach oben, entlädt sich im dumpfen Knall am Kraterrand.
Die Rosenlust taucht unter im Wildrosenwasser und laucht den bebenden Wellen.
Sinnlichkeit und Keuschheit sind in den Augen der Rosenlust keine Gegensätze. Das Erleben der Sinnlichkeit ist eine der schönsten Entwicklungen, die die Evolution der Menschheit mitgegeben hat und sie ist so vielfältig und breit gefächert, wie es Menschen und Stimmungen auf der Welt gibt. Vielleicht so umfassend wie das ganze Universum. Keuschheit kann in einigen Situationen für bestimmte Menschen eine ganz besondere Möglichkeit sein, die eigene Sinnlichkeit zu erleben.
Die Malerin Paula Modersohn-Becker sagt das sehr schön im folgenden Zitat: „Sinnlichkeit, Sinnlichkeit bis in die Fingerspitzen, gepaart mit Keuschheit, das ist das Einzige, Wahre, Rechte für den Künstler.“
Nicht lange nachdem Leonie oben in ihrem Zimmer eingeschlafen war, lagen auch ihre Eltern im Bett. Nacheinander sahen sie kurz nach der schlafenden Leonie, aber vor der Zimmertür ihres Sohnes zögerten sie. Sie hörten leise Musik im Zimmer spielen, aber Stefan stören, das traute sich keiner von beiden. Seit Wochen waren seine Aggressionen für alle in der Familie eine große Last. Es war besser, ihm heute abend keinen neuen Anlass für einen seiner Ausbrüche zu bieten.
Sie lagen schweigend nebeneinander im Bett und fühlten sich elend. Sie hatten schon seit vier Monaten nicht mehr miteinander geschlafen. Seit Nadines letzten Geburtstag. An diesem Abend waren sie zum Essen aus gewesen und im Nachbarraum spielten die Jugendlichen Billard. Es waren ein Päarchen und zwei Jungen, die abwechselnd spielten und in jeder Pause, wandte sich das Päarchen einander zu. Sie knutschten ausgiebig miteinander, bis die anderen Jungen sie mit derben Sprüchen wieder zum Billardtisch riefen. Die ganze Zeit waren sie eng aneinander geschmiegt und der Junge versuchte das Mädchen immer sehr dicht an seinem Schoß zu halten, was das Mädchen sichtlich genoss. Sie rutschte auf seinem Schoß entlang, und nur wenn er sich unter ihrem T-Shirt etwas zu heftig an ihr zu schaffen machte, reagierte sie, in dem sie sich so lange wand, bis seine Hände keinen Halt mehr fanden.
„Muss Liebe schön sein“, spöttelte Nadine damals. Aber nachts im Bett war sie erregt und schlief mit ihm. So sehr hatte sie der Anblick der knutschenden Jugendlichen angeheizt.
Heute lagen sie wie so oft rat- und sprachlos nebeneinander und ahnten nicht, mit welcher Heftigkeit das Schicksal ihr Leben durcheinander wirbeln sollte, nur weil sich in 200 km Entfernung gerade eine Träumerin auf den Weg zurück ins Dorf machte.
Rosenlust ist süchtig nach der Sommergeschichte. Es kribbelt in ihren Fingern die Geschichte weiterzuschreiben. Die Geschichte von der Sehnsucht nach der Liebe und ihrer Zerstörungskraft, nach dem geliebt werden. Die Geschichte von der Gier nach Körperlichkeit. Der Überwindung der Einsamkeit. Die Geschichte von der Macht der Sexualität und der Einsamkeit. Die Geschichte vom Labyrith der Liebe.
Aber die Rosenlust hat auch eine Abmachung getroffen, damit diese Sucht nicht überhand nimmt. Die Sommergeschichte muss ein bisschen Raum lassen. Ein wenig Platz für die anderen schönen Geschichten rund um die Lust und die Rose. Ob es ihr gelingt, das ist die spannende Frage.
Für alle die sich bei der Sommergeschichte langweilen und sich nicht ihren eigenen, feuchten Träumen hingeben wollen, empfehle ich noch einmal das schöne Buch von Milan Kundera herauszuholen. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins und dort den vielen schönen Szenen zu lauschen. Die Frauen mit und ohne Melone, der Liebeskünstler, die Liebe bewegt die Welt.
Noch ist der Oktober golden, weich und samtig. Aber schon bald wird er kalt, feucht und nass werden. Dann fängt die Kuschelzeit an. Am Ofen, vor der Heizung – alles hat seinen Reiz. Das Rumflätzen und gemeinsam unter der Decke liegen. Die Wärme des eigenen Körpers spüren, die Hitze der Erregung, das Strahlen der Leidenschaft. Wenn es draußen früher dunkel wird, die Abende lang und gemütlich werden, dann ist die Zeit der Zweisamkeit. Die Zeit, der Zärtlichkeit. Es ist die Zeit der Düfte, der Sinnlichkeit und der Erotik.
Wildrose – ich rieche die Lust.
Im Traum war er wieder einmal nahe. Die Stimme zärtlich. Hand in Hand auf der Suche nach einem Ort für die Zweisamkeit. Durch den Sturm geleitet, geführt. Durch die Menschen hindurch, durch das Chaos um sie herum auf der Suche nach einem Ort für die Hingabe. Weiter und weiter geht er mit ihr. Gibt nicht auf. Die Stimme bleibt zärtlich, das Verlangen treibt sie beide. Weiter und weiter. Mit viel Geduld durch die agressive Menge. Durch das Labyrinth. Durch den Lärm und die Ungemütlichkeit.
Hand in Hand auf der Suche nach einem Ort für die Zweisamkeit.

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